Kann echte Klarheit beim Fasten nur in Kombination mit Spiritualität entstehen? Benediktinermönch Martin Kollmann aus dem Europakloster Gut Aich bei St. Gilgen ist davon überzeugt. Uns hat er außerdem erzählt, was er von Fastentrends auf Social Media hält.
Auf einer Anhöhe zwischen St. Gilgen am Wolfgangsee (Flachgau) und dem Mondsee (Oberösterreich) liegt das Europakloster Gut Aich. Der Blick auf den Schafberg ist omnipräsent. "Wir haben schon zwei Fastenwochen hinter uns", berichtet Martin Kollmann. Der gelernte Gärtner wechselte nach rund 25 Jahren im Kärntner Benediktinerstift St. Paul im Lavanttal im vergangenen Jahr nach Gut Aich. Er sagt: "Die Fastenzeit ist für mich eine Bestandsaufnahme."
Spiritualität vs Fastentrends auf Social Media?
Die neun Benediktinermönche auf Gut Aich teilen sich ihre Aufgaben in verschiedene Bereiche auf. Kollmann ist für den Wald, den Garten und die Klosterheilkunde zuständig. In verschiedenen Kursen bieten die Mönche Außenstehenden die Möglichkeit, für einige Tage einzuziehen und beim Fasten zu sich selbst zu finden. Laut der Website soll so "im Weniger Mehr spürbar werden." Statt eines Fokus auf Diät geht es für die Mönche vielmehr um Spiritualität. Kursteilnehmer:innen dürfen am Gebetsrhythmus der Mönche teilnehmen. Kollmann formuliert es so: "Die entscheidende Frage ist für mich: Was aus meinem Leben möchte ich behalten und wovon will ich mich trennen?"
Demgegenüber stehen zahlreiche Fastentrends, die vor allem durch Social Media in den vergangenen Jahren aus allen Ecken schießen. Die Ansätze reichen von Saftkuren bis zum Intervallfasten. Die geistige Komponente scheint weniger wichtig. Der Experte will das nicht schlechtreden. "Ich finde es gut, wenn Menschen sich dadurch der Prozesse in ihrem Körper bewusster werden. Aber jeder Hype birgt die Gefahr, in ein Extrem zu verfallen." Die geistige Auseinandersetzung müssen aus seiner Sicht trotzdem ein Teil des Fastens bleiben.
"Entzug bringt ganz andere Tiefe"
Der gebürtige Kärntner hat zuletzt eine Woche lang pro Tag nur ein trockenes Dinkelgebäck gegessen und Tee getrunken. "Diese Reduktion hilft dabei, unnötigen Ballast abzuwerfen", erklärt er. Kollmann achtet in dieser Zeit zudem darauf, bewusster mit seinem Smartphone umzugehen und die Stille zu suchen. Angesichts der idyllischen Lage des Klosters scheint das leicht umsetzbar: Bei unserem Besuch ist jedes Blätterrauschen und Vogelzwitschern deutlich zu hören. "Du gewinnst durch den Entzug eine ganz andere Tiefe", schildert der 43-Jährige seine Erfahrungen.
Ungefähr die Hälfte aller Österreicher:innen nutzt die 40 Tage der Fastenzeit laut aktuellen Studien, um auf etwas zu verzichten. Für Kollmann persönlich ist der Verzicht auf Süßigkeiten die größte Hürde: "Ich liebe Schokolade", gibt er schmunzelnd zu. Ist das Motivationstief nach drei Tagen erst einmal überstanden, werde er jedoch von einer großen Klarheit erfüllt.
Raus aus dem Trubel
Der Benediktinermönch ist überzeugt, dass der bewusste Verzicht quer durch alle gesellschaftlichen Schichten wieder an Bedeutung gewonnen hat. Ein Grund dafür sei die heutige Schnelllebigkeit: "Es ist eigentlich bezeichnend, dass wir uns heute aktiv aus dem Trubel herausziehen müssen, um Ruhe zu finden." Diese Auszeit gönnt er sich auch mit Blick auf das bevorstehende Osterfest. "Ich bin ein Mensch, der das Leben liebt. Und genau darum sollte es bei Ostern und dem Fasten gehen: Die Lebensliebe."
Das Interview führte Salzburg24-Redakteur Christian Wasner. Text und Foto: Christian Wasner - Salzburg24
